Archive für Juni 2008

Verve//Remixed 4

Jeweils über eine halbe Million Mal verkauften sich die ersten drei Zusammenstellungen der Serie “Verve//Remixed”, die zeitlose Jazzklassiker in zeitgenössisch bearbeiteten Remix-Versionen boten. Die schier unüberschaubar großen Schallarchive der Verve Music Group (kein anderes Label der Welt hat ein umfangreicheres Jazzrepertoire)  bergen natürlich immer noch reichlich Material für weitere Experimente. Nun erscheint die vierte Ausgabe, bei der wieder viele neue Namen aus der DJ- und Remix-Szene zum Zuge gekommen sind: Truth & Soul, Mike Mangini, Kenny Dope, Diplo, Pilooski, Psapp, Mocky, Chris Shaw, Antibalas, Karriem Riggins, 9th Wonder und Cinematic Orchestra.

Die Vorlagen für ihre Remixe stammen von Dinah Washington, Nina Simone, James Brown, Marlena Shaw, Astrud Gilberto, Anita O’ Day, Sarah Vaughan, Patato & Totico, Willie Bobo, Roy Ayers und Ella Fitzgerald. Obwohl sich in diesem Repertoire auch einige klassische Jazzstandards befinden, liegt der stilistische Schwerpunkt hier eindeutig bei Rhythm’n’Blues- und Soul-Nummern, wobei natürlich auch der eine oder andere Ausflug in lateinamerikanische Klanggefilde nicht fehlen durfte.

Dinah Washington - Cry Me A River (Remix by Truth & Soul) Das in Brooklyn/New York ansässige Duo Truth & Soul (a.k.a. Leon Michels und Jeff Silverman) sorgte noch vor kurzem mit einem Remix von “Love Is A Losing Game” von Grammy-Gewinnerin Amy Winehouse für Furore. Für diese Compilation überarbeiteten sie nun Dinah Washingtons unter die Haut gehende Interpretation von “Cry Me A River”.

Nina Simone - Gimmie Some (Remix by Mike Mangini)Die 2003 gestorbene Nina Simone hatte schon zu Lebzeiten Kultstatus. Von ihr wurden für diese Remix-Compilation gleich zwei Songs ausgewählt. Der aus Baltimore stammende Mike Mangini (nicht zu verwechseln mit dem Schlagzeuger gleichen Namens!) entschied sich für die Bearbeitung des Klassikers “Gimme Some”, der 1965 auf dem populären Simone-Album “I Put A Spell On You” erschien. Als Produzent und Toningenieur war Mangini u.a. schon mit Joss Stone, David Byrne und Bruce Hornsby im Studio. Momentan arbeitet er mit der Sängerin Imani Coppola an deren neuestem Projekt.

James Brown - There Was A Time (Remix by Kenny Dope)Auf seinem 1970 erschienenen Album “Soul On Top” unternahm der “Godfather of Soul” und “King Of Funk” einen seiner raren Ausflüge in die Welt des Jazz, als er sich mit dem Orchester des Jazzschlagzeugers Louie Bellson zusammentat. Heraus kam dabei ein Album, das zu gleichen Teilen Soul-Funk und funky gespielten Bigband-Jazz bot. Kenny Dope Gonzalez (Masters At Work) gab dem von James Brown geschriebenen Song “There Was A Time” mit seinem Remix nun neuen zeitgenössischen Drive.

Marlena Shaw - California Soul (Remix by Diplo)Marlena Shaw war 1972 die erste Sängerin, die bei dem legendären Jazzlabel Blue Note einen Plattenvertrag erhielt. Shaw, der Mitte der 90er Jahre nach fast zehn Jahren Pause ein Comeback gelang, war eigentlich nie eine reine Jazzkünstlerin, auf ihren Alben mischte sie mit Vorliebe Jazziges mit Soul und Pop. Den Ashford & Simpson-Klassiker “California Soul” nahm sie 1968 für ihr zweites Soloalbum “Spice Of Life” auf. Der aufregende Remix stammt von DJ Diplo (a.k.a.. Wes Pentz), einem Weltreisenden in Sachen Musik. Geboren in Tupelo am Mississippi, aufgewachsen in Philadelphia und Florida, arbeitete Diplo auch schon in Brasilien, Japan, England und China. Diplo ist derzeit einer der weltweit gefragtesten DJs und Produzenten. 2007 produzierte er zusammen mit Switch das „Kala“-Album von M.I.A. Im Februar 2008 war er als Support-DJ auf der ausverkauften U.S.-Tour von JUSTICE dabei. Seine Remixe für u.a. Kanye West, Justice, Gwen Stefani, Hot Chip, CSS, Peter Bjorn and John, Edu K, M.I.A., Le Tigre und DJ Shadow bringen - wie seine hochenergetischen DJ-Sets - Tanzflächen auf dem gesamten Globus zum Kochen

Nina Simone - Take Care Of Business (Remix by Pilooski)Der Remix des zweiten Nina-Simone-Tracks - “Take Care Of Business” - stammt von dem Pariser Dancefloor-König Pilooski (a.k.a. Cédric Marszewski), der seine Extraklasse bereits mit seinen “Dirty Edits” von Frankie Vallis “Beggin’” und “Who Loves You?” nachhaltig bewies. Das von Andy Stroud geschriebene Original erschien ursprünglich auch auf dem 1965er Nina-Simone-Album “I Put A Spell On You”.

Astrud Gilberto - Bim Bom (Remix by Psapp Remix)Einen Hauch von Bossa Nova verleiht dieser Compilation die brasilianische Sängerin Astrud Gilberto mit “Bim Bom”, einem etwas seltener zu hörenden Stück aus der Feder ihres Ex-Ehemannes João Gilberto, der zusammen mit Tom Jobim als der Vater der Bossa Nova gilt. Den Remix der luftigen Nummer übernahm das Londoner Duo Psapp (a.k.a. Carim Clasmann und Galia Durant), deren eigene Songs viele durch die auch in Deutschland immens erfolgreichen amerikanischen Fernsehserien “Grey’s Anatomy”, “Nip/Tuck” und “The O.C.” kennen dürften.

Anita O’ Day - Tenderly (Remix by Mocky)Die 2006 im Alter von 87 Jahren gestorbene Anita O’ Day war eine der wenigen Sängerinnen, die mit den virtuosen Instrumentalisten des Bebop mithalten konnte. Atemberaubend waren etwa ihre Arbeiten mit den Orchestern von Gene Krupa und Stan Kenton in den 40er und 50er Jahren. Daß sie ebenso blendend aber auch balladeskeres Material zu handhaben verstand, bewies sie u.a. mit dieser Aufnahme von “Tenderly”, die sie 1957 mit dem Quartett von Oscar Peterson (feat. Herb Ellis, Ray Brown und John Poole) machte. Den Remix fertigte der aus Toronto stammende und in Berlin lebende Mocky (a.k.a. Dominic Salole), der mit Gonzales, Peaches und Feist das Kleeblatt der in Europa ungeheuer erfolgreichen kanadischen Independent-Stars bildet.

Sarah Vaughan - Tea For Two (Remix by Chris Shaw)In der Blütezeit der Bossa Nova nahm die Sängerin Sarah Vaughan 1965 ihr Album “Viva! Vaughan” auf, von dem der hier zu hörende Titel “Tea For Two” stammt. Aufgenommen hatte sie es unter der Regie des Produzenten Quincy Jones mit einem ungewöhnlich besetzten Orchester (ohne Trompeten- und Saxophonsätze!), das von Frank Foster geleitet wurde. Den Remix übernahm Chris Shaw, der als Toningenieur und Mixer auch schon Alben von so unterschiedlichen Künstlern wie Bob Dylan, Lou Reed, Public Enemy, Doug E. Fresh, Ween, Cheap Trick und Nada Surf betreute.

Patato & Totico - Dilo Como Yo (Remix by Antibalas)Ein gefundenes Fressen für die Remix-Spezialisten des gefeierten New Yorker Afrobeat-Ensembles Antibalas (Antibalas sind z.B. die backing Band für TV on the Radio & Foals) war “Dilo Como Yo”. Die Nummer stammt von “Patato & Totico”, dem vielleicht einflußreichsten Rumba-Album aller Zeiten, das Perkussionist Carlos “Patato” Valdés und Sänger Eugene “Totico” Arango 1967 mit weiteren Größen der kubanischen Musik (u.a. Bassist Isreal “Cachao” López und Tres-Spieler Arsenio Rodríguez) in New York eingespielt hatten. Im Alter von 81 Jahren ist Patato im Dezember 2007 verstorben.

Willie Bobo - Evil Ways (Remix by Karriem Riggins)Schon drei Jahre bevor Carlos Santana “Evil Ways” 1969 mit seiner Band zu einem Welthit und Klassiker des Latin-Rock machte, hatte der Perkussionist Willie Bobo seine fantastische Version dieses Stücks aufgenommen. Nun nahm sich mit Karriem Riggins ein weiterer Meister  seines Fachs dieser Nummer an. Riggins machte sich bisher nicht nur einen Namen als Produzent von HipHop- und NuSoul-Acts wie The Roots, Common und Erykah Badu, sondern als Jazzschlagzeuger auch an der Seite von Größen wie Diana Krall, Oscar Peterson, Ray Brown und Roy Hargrove.

Roy Ayers - Everybody Loves The Sunshine (Remix by 9th Wonder)Roy Ayers “Everybody Loves The Sunshine” gilt als eines der am häufigsten gesamplten Stücke. Und auf dieser “Verve Remixed”-Zusammenstellung ist es ganz sicher einer der absoluten Höhepunkte. Bearbeitet wurde es hierfür von dem aus North Carolina stammenden DJ und Produzenten  9th Wonder (a.k.a. Patrick Douthit), der u.a. schon Alben von Jay-Z, Mary J. Blige, De La Soul und Destiny’s Child produzierte.

Ella Fitzgerald - I Get A Kick Out Of You (Remix by Cinematic Orchestra)Beendet wird diese Compilation mit einem Track von der unsterblichen Ella Fitzgerald, ohne die eine Verve-Compilation kaum vorstellbar ist. Das von dem Multiinstrumentalisten Jason Swinscoe geleitete britische Cinematic Orchestra wählte zur Überarbeitung einen Klassiker aus Ellas “Cole Porter Songbook” aus: “I Get A Kick Out Of You”.

Protassov - Shalina Music

“Warum sollte er auch?!”, könnte fragen, wer “Shalina Music” zum ersten Mal hört. Und es wird sicher nicht das letzte Mal sein – denn auf Protassovs erstem Album gibt es so viel zu entdecken, dass man sich, wenn der letzte Track “Never Gonna Stop” erreicht ist, wünscht, Protassov würde wirklich nie damit aufhören, was er offensichtlich so gut macht. Und dann will man als Hörer seine Zeit verschwenden und seiner Musik wieder und wieder zuhören. Und wieder.

Bereits seit den ersten Tagen bei Switchstance Recordings mit an Bord, ist der gebürtige Ruhrgebietler Stefan Fuss alias Protassov mit seinen facettenreichen Sound-Sphären und ordentlich Beat-geladenen Tunes zu einer tragenden Säule im breiten Label-Portfolio geworden, und hat sich auf vielen erfolgreichen Compilations sowie in Snow-/Skate-/Surf- Filmen rund um den Globus verewigt. Darüberhinaus hat er für Jugoe (Bastard Jazz), Dr. Rubberfunk (GPS Productions) und andere spannende Remixe produziert.

Protassovs Studio, das Mechano Tonatelier, liegt in einer einsamen Landschaft irgendwo in den industriellen Weiten der zentralen Ruhrgebiets-Metropole Essen. Hier, inmitten einer ungeordneten Vielzahl von Instrumenten und musikalischen Gerätschaften, findet Protassov die Ruhe, seine gechillten Tracks zu komponieren und auszuproduzieren. Doch auch wenn er die meisten seiner Parts selbst spielt und am Computer komplettiert, ist er ganz sicher kein Einzelgänger.

Marcus Stuetz ist ein langjähriger Freund, der auf “Shalina Music” zum ersten Mal musikalisch mit Protassov kollaboriert. Seine Meisterschaft verschiedener Gitarren-Stile ist in vielen der Tracks zu hören und liefert harmonische Gegensätze und groovige Riffs zu den fachmännisch ausgearbeiteten Drums, Percussions und Sample-basierten Sound-Ideen. Bajka ist eine befreundete Sängerin, die bereits mit Beanfield, Bonobo, Radio Citizen oder den Poets of Rhythm gearbeitet hat. Ihre starken Lyrics und schöne Stimme sind im Reggae-Track “I Wonder” zu hören.

Von atmosphärischem Hip Hop wie im Opener “Liquid Season” über Broken Beat Pop wie dem Titelstück “Shalina Music” über nachdenkliche Reggae-Songs wie “I Wonder” und richtige Stomper wie “Fine Times”, mediterran anmutende Flic Movie-Soundtracks wie “Baby Headache”, stimmungsvolle Zen-Soundlandschaften wie in “When We Dance” oder den bereits erwähnten Closer “Never Gonna Stop” – wenn diese Zeit wirklich verschwendet ist, dann sollte man Protassovs Beispiel folgen und seiner “Shalina Music” lauschen!

www.switchstancerecordings.de

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